Ostseebäder – Teil 1 Rügen

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Rügen liegt im Nordosten und ist die größte der Ostseeinseln und die größte Insel Deutschlands. Sie liegt vor der Küste Mecklenburg-Vorpommerns. Durch den Rügendamm und die Rügenbrücke über den Strelasund ist sie bei Stralsund mit dem Festland verbunden. 2011 bekam sie den Status des Weltkulturerbes wegen seiner riesigen Buchenwälder und dem Nationalpark Jasmund mit seinen Kreidefelsen. Die Seebäder mit den historischen Häusern an den langen weißen Sandstränden zeugen von der weit zurück reichenden Bäderkultur. Die Insel gehörte früher zur DDR und war eines der wichtigsten Urlaubsgebiete. Die zum Teil von den Hotelbesitzern enteigneten Gebäude waren unter der Führung des FDGB (Freier deutscher Gewerkschaftsbund) in staatlicher Hand. Seit der Wende ist hier alles im Umbruch. Vieles ist schon neu gestaltet, aber es gibt auch noch etliche Baustellen. Auch heute ist Rügen ein beliebtes Ferienziel und im Sommer oft überlaufen. Daher haben wir uns die Nebensaison für unseren Urlaub ausgesucht. Anfang Juni ist das Wasser für Badewillige zwar noch sehr kalt, aber man kann schon schöne warme Sonnentage erwarten.

Sassnitz

Unsere Unterkunft ist die Pension Villa Elisabeth in Sassnitz Bergstraße 20.
Es ist ein schönes kleines Apartment mit einem verglasten Balkon, auf dem man auch abends bei nicht so warmem Wetter gut sitzen kann. Ein paar Kleinigkeiten könnten noch verbessert werden. Zum Beispiel hat der Kühlschrank kein Eisfach und es gibt dort keinen Schrank und nirgendwo kann man etwas aufhängen. Man muss also ständig im Koffer kramen und alles über einen Stuhl hängen. Aber der Ausblick aufs Meer über die Häuser der Altstadt hinweg entschädigt für die Kleinigkeiten!
Zudem gibt es einen kostenlosen Parkplatz.
Zu Fuß ist man in ein paar Minuten an der Strandpromenade (450m bergab) und am Hafen. Barrierefrei ist es jedoch nicht wegen Steigungen, Treppen und Kopfsteinpflaster, was für uns jedoch kein Mangel war. Frühstück kann man unten in einem netten Frühstücksraum dazu buchen oder in der kleinen Küche selbst zubereiten und auf dem Balkon genießen. Das ist für uns die ideale Option.

Sassnitz selbst ist kein typischer Badeort. Die Küste unterhalb der Kreidefelsen ist steinig mit ein paar Einstiegen ins Wasser. Strandkörbe sucht man hier auch vergebens. Dafür kann man aber gut auf die Suche nach Fossilien oder Bernstein gehen.
Schöne Strände gibt es ein paar Kilometer weiter. Zum Beispiel südlich des Fährhafens bei Neu Mukran oder weiter in Richtung Prora und Binz. Diese Orte beschreibe ich später noch ausführlich.
Um abends zu bummeln oder gemütlich essen zu gehen eignet sich die Umgebung des Hafens sehr gut. 
Da an unserem Ankunftstag ein schöner sonniger Abend ist, setzten wir uns im „Gastmahl des Meeres“ zum Abendessen auf die Terrasse.
Danach machen wir einen ausgedehnten Spaziergang um den Stadthafen, wo die Ausflugsboote liegen, dann weiter am Yachthafen entlang bis zum U-Boot-Museum.

Wenn man dort weiter geht, kommt man zum alten Bahnhof, von wo früher die Fähre nach Schweden ablegte. Seit dem Neubau des Terminals Mukran ist dieser hier stillgelegt und die Gleise weitestgehend abgebaut. In der alten Abfertigungshalle ist jetzt das Lokal „Glasbahnhof“.
In der Nähe gibt es auch noch ein Geschäft mit Andenken und Getränken, das am Abend noch bis 19:00Uhr geöffnet hat und wo wir uns mit Wein eindecken können.
Hinter dem Gebäude ist der Aufgang zur 250m langen Fußgängerbrücke, die das Hafengelände mit der Innenstadt verbindet. Dieses, seit 2007 existierende Bauwerk wird von den Einheimischen „Balkon mit Meerblick“ genannt, weil man  von der geschwungenen Brücke aus einen atemberaubenden Blick auf die Ostsee, den Stadthafen und die Außenmole mit Leuchtturm hat.
Zurück wollten wir diesen Weg in die Stadt nehmen. Das erwies sich aber als ungünstig, da man an der momentanen Baustelle des Rügen Hotels vorbei auf die Hauptstrasse gelangt, die noch wenig Sehenswertes bietet. Sassnitz ist immer noch im Umbau.
Besser ist es, denselben Weg am Hafen entlang zurück zu gehen und zum Tagesabschluss auf den Liegestühlen des „Beachhaus Sassnitz“ einen Cocktail oder Wein zu genießen. Hier gibt es auch leckere Crepes und kleine Gerichte.
Oder man holt sich ein sehr leckeres Eis in der kleinen Konditorei Peters am Anfang der Promenade.
Der Rückweg hinauf über das Kopfsteinpflaster ist nach diesem langen Tag anstrengend und wir sind froh, als wir mit einem letzten Glas Wein auf unserem gemütlichen Balkon den Tag ausklingen lassen können.

Für den nächsten Morgen hatten wir uns eine Bootstour zu den Kreidefelsen vorgenommen. Es ist sehr windig heute und der Vermieter meint, dass die Ausflugsboote heute eventuell nicht rausfahren. Das wäre schade.
Wir machen daher erst mal einen Spaziergang zur Piratenschlucht. Zuerst kommen wir am Kurpark mit der Kurmuschel vorbei. Hier ist aber auch noch nicht alles saniert. Es sieht etwas ungepflegt aus und die Muschel ist mit Graffitis beschmiert. Ich verstehe die Menschen nicht, die überall ihren Müll liegen lassen und Sachen unsinnig bemalen.
Danach sieht man im Wasser den Felsen „Klein Helgoland“ liegen.
Um zur Piratenschlucht zu kommen passieren wir einen Weg, der eigentlich abgesperrt ist. An einigen Stellen ist der Hang etwas abgerutscht. Aber da es trocken ist und uns mehrere Spaziergänger entgegenkommen gehen wir weiter. Diese Bucht soll die Stelle sein, wo sich Störtebecker im 14.Jahrhundert versteckt hat und seine Schätze vergraben haben soll. Leider haben wir weder Schätze noch Bernstein gefunden.
Wer will, kann von hier aus die Treppe zum Hochuferweg nehmen und zum Hafen zurück laufen.


Jetzt kommt die Sonne raus und der Wind lässt nach, so dass wir den schnelleren Weg am Ufer entlang wieder zurück gehen und uns ein Ticket für die Fahrt zum Kreidefelsen kaufen. Sie dauert 90 Minuten und kostet 20€ pro Person. Es gibt mehrere Anbieter.
Wir sind mit der MS Nordwind der Reederei Lojewski gefahren.
Das Schiff ist nicht überfüllt und das Licht ist optimal für Fotos, jedoch fliegt man an Deck fast weg. Durch das Geräusch des Windes versteht man hier oben leider auch kaum etwas von dem, was der Kapitän erzählt. Aber wir haben keine Lust in den Innenraum zu gehen. Eindrucksvoll liegen die weißen Felsen als perfekte Fotomotive in der Sonne. Am Königsstuhl, dem bekanntesten Felsen kehren wir um. Die Fahrt hat sich auf jeden Fall gelohnt.

Zurück im Hafen essen wir im Lokal „Kutterfisch“ sehr guten Fisch. Die Portionen sind so groß, dass wir uns besser eine geteilt hätten! Für 17,50€ ist es auch nicht gerade billig. Aber man bekommt dafür auch nicht die üblichen Fish&Chips Gerichte, sondern Zanderfilet, Süßkartoffelpommes und Salat. Wir sitzen windgeschützt in einem der Strandkörbe, die als „Tisch“ dort stehen und haben einen schönen Ausblick auf den Stadthafen.

Der Königsstuhl

Den Nachmittag verbringen wir im Nationalpark Jasmund am Königsstuhl
Vom Hafen aus fährt uns ein  Shuttlebus für 2,60€ direkt vor das Visitorcenter. Wenn man unbedingt mit dem Auto fahren möchte, muss man etwa 3km außerhalb des Parkeingangs parken („Hagen“ heißt der Parkplatz) und den Rest zu Fuß gehen. Die Parkgebühr ist auch nicht billig.
Wer gut zu Fuß ist kann auch über den Höhenweg von Sassnitz aus 8,1km laufen oder 3,1km von Lohme aus.
Jetzt im Frühsommer ist hier nicht viel Betrieb im Gegensatz zur Ferienzeit, wenn es hier von Touristen wimmelt. Allerdings ist die Hälfte des Skywalks wegen Renovierungsarbeiten gesperrt, aber man kann bis nach vorn zur Aussichtsplattform gehen. Vom Königsstuhl selbst sieht man hier nicht viel, da man ja direkt darauf steht. Auch die Aussicht auf die Kreideküste rechts und links davon ist durch die Bäume verdeckt. Vom Schiff aus war der Blick weitaus spektakulärer. Aber man kann weit über die Ostsee und auf die vorbeifahrenden Schiffe blicken.
An der Spitze vorn ist sehr wenig Platz, so dass wir erst mal warten müssen, bis die kleine Gruppe vor uns ihre Selfies gemacht hat. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie das hier zur Hauptsaison aussieht…
Im Besucherzentrum kann man sich noch eine nette Ausstellung und den interessanten Film von Dirk Steffens  über die berühmten Buchenwälder der Insel anschauen. Er ist zwar von 2013 und technisch nicht ganz perfekt, bietet aber viele interessante Fakten.
In der Cafeteria trinken wir noch einen Kaffee – mehr Gastronomie ist jetzt in der Nebensaison nicht geöffnet.
Der Bus bringt uns dann wieder zurück nach Sassnitz. Da das Mittagessen im „Kutterfisch“ so üppig war, besorgen wir uns für heute Abend nur noch ein paar Snacks im Supermarkt und nutzen unseren gemütlichen Balkon während wir den Sonnenuntergang genießen.

Fahrt mit dem „Rasenden Roland“ zu den Kaiserbädern

Am nächsten Morgen weckt uns die Sonne, die durch unser Fenster scheint. Das sieht schon mal gut aus. Unser Plan heute ist es mit dem „Rasenden Roland“, einer alten Dampfeisenbahn von Putbus bis nach Göhren zu fahren, um uns die bekannten alten Seebäder anzuschauen.
Die Rügensche Bäderbahn, auch Rasender Roland genannt, verbindet seit 1895 auf einer Schmalspurstrecke die Bäder Binz, Sellin, Baabe und Göhren.
Wir fahren mit dem Auto nach Putbus. Vor dem Bahnhof ist ein großer kostenpflichtiger Parkplatz (5€ pro Tag) und einige wenige freie Stellplätze entlang der Straße.
Wenn man in der Innenstadt am Touristenbüro anhält, bekommt man Infomaterial und eine Karte. 
Das Tagesticket und einen aktuellen Fahrplan für alle Stationen erhält man in dem kleinen Bahnwärterhaus oder online.
31€ kostet das Tagesticket, mit dem man so oft ein- und aussteigen kann wie man möchte.
TiPP: Man kann eine Stunde eher in den Zug einsteigen, der dann bis Lauterbach Mole fährt und dann zurück kommt. Dann hat man (vor allem in der Hauptsaison) einen sicheren Sitzplatz. Wenn man hier erst einsteigt, sind die Plätze im offenen Wagen eventuell schon besetzt.
Auch wissenswert: Wenn man im offenen Wagon sitzt, bekommt man sehr viel vom Rauch der Lok mit und ist abends voll mit kleinen Rußpartikeln. Bei dem schönen Wetter nehmen wir das aber der Aussicht wegen in Kauf.
Wir bleiben erst mal bis zur Endstation sitzen. Die kleine Bahn rattert durch Wälder und Felder und lässt an Strassen und Bahnhöfen ihre schrille Pfeife ertönen.

Vom Bahnhof Göhren aus ist es nur ein kurzer Fußweg bis zum Meer.
Göhren ist ein kleines Seebad mit einem riesigen feinsandigen sauberen Strand. Bunt leuchten die Strandkörbe vor dem blauen recht stillen Wasser. Wir sehen keinerlei Algen oder Quallen, was wohl auch an der kühleren Jahreszeit liegt. Man kann über die Strandpromenade spazieren oder sich an den Strand legen. Das Wasser ist sehr flach und für Familien mit Kindern ideal. Ein nettes Strandrestaurant serviert leckere kleine Speisen und eine hervorragende Sanddornlimonade. 
Da wir noch andere Orte besuchen wollen, nehmen wir uns nur eine Stunde Zeit. 

Wir lassen Selin aus, da man hier vom Bahnhof aus 25 Minuten laufen muss und fahren weiter bis zum Nobelbad Binz.
Auch hier in Binz beträgt der Fußweg vom Bahnhof aus etwa 20 Minuten bis zur bekannten Seebrücke.
Bevor man an den Strand gelangt passiert man die Einkaufsstrasse. Die Geschäfte hier sind edler als in den anderen Orten – und teurer.
An der Strandpromenade dominiert das große Kurhaus mit seinen rot-weißen Fassaden. Der kilometerlange weiße Sandstrand ist ebenfalls übersäht mit bunten Strandkörben. Die Strandpromenade ist länger als in anderen Orten und es reihen sich Läden und Restaurants wie eine Kette aneinander. 
Die 370m lange Seebrücke lädt zum Flanieren ein mit einem freien Blick auf die Strandpromenade und weit in die Ostsee hinein. Seit 1994 steht die Brücke hier, nachdem sie vorher zwei mal zerstört war.
In der Seebrücken Lounge lassen wir uns auf den bequemen Möbeln im Sand nieder und genießen einen Kaffee und den Trubel um uns herum. Trotz früher Jahreszeit ist es sommerlich warm und einige Leute und Kinder tummeln sich im Wasser.
Wichtig zu wissen ist noch: für die öffentlichen Toiletten muss man am Anfang der Promenade ein Ticket ziehen. Mit der Kurkarte für den Ort ist das eingeschlossen. Unsere von Sassnitz gilt hier nicht.
Zur Binzer Bucht gehört auch das Dokumentationszentrum Prora, einem nie fertig gestellten Seebad aus Nazi Zeiten, das ich an späterer Stelle ausführlich beschreiben werde.

Stralsund

Nach dem „Bädertag“ zieht es uns am nächsten Morgen in die Stadt. Wir wollen nach Stralsund. Das Wetter ist nicht so schön. Es ist kalt, regnerisch und windig, aber für einen Städtetrip ok.

Ursprünglich wollten wir nach Altefähr auf Rügen fahren und von dort mit der Fähre nach Stralsund übersetzen. Diese fährt aber nur dreimal am Tag und würde uns in der Tagesplanung sehr einschränken. Außerdem stand heute auf der Website die Warnung, dass der Betrieb wegen des Windes eventuell eingestellt würde.
Man kann auch mit dem Zug fahren, aber wir entscheiden uns dann doch für das Auto, um flexibler zu sein. In der Nebensaison ist das auch wirklich kein Problem. Unser Navi führt uns zu einem günstig gelegenen Parkhaus am Ozeaneum. Die Parkgebühr von 10€ pro Tag ist preiswerter als ein Zugticket für zwei (außer man hat eine Deutschlandcard).

Im Nieselregen schlendern wir am Hafen vorbei und besichtigen das alte Segelschulschiff Gorch Fock I, das hier als Museumsschiff liegt.

Inzwischen hat der Regen aufgehört und wir spazieren durch die schöne Altstadt. In unserem Stadt-Reiseführer ist ein Stadtrundgang beschrieben, der uns an den sehenswertesten Stellen vorbei führt. Man bekommt aber auch im Tourismusbüro hilfreiche Tipps und man kann eine Führung buchen.
Die Hansestadt ist auch Unesco Welterbe mit 800 jähriger Geschichte. Im Jahr 1234 bekam sie die Stadtrechte.
Die historischen Giebel-Häuser in der Innenstadt um den alten Markt sind sehr sehenswert. Das höchste davon ist das im gotischen Baustil errichtete alte Rathaus aus dem Jahr 1400 mit seinen schönen Giebeln und der Innenhofpassage.
Wir gehen zum Mittagessen in die Wulflamstuben am Marktplatz. Das Restaurant befindet sich im ältesten erhaltenen Bürgerhaus Stralsunds aus dem 14.Jahrhundert und wurde vom damaligen Bürgermeister Bertram Wulflam erbaut und nach ihm benannt. Neben der interessanten Geschichte wartet es auch mit sehr leckerem Essen auf.
Ruhe findet man im Garten des St. Johannis-Klosters inmitten der Altstadt. 1254 von den Franziskanern errichtet gehört es nach einer turbulenten Geschichte heute der Stadt.

Das Ozeaneum bietet schön präsentierte Ausstellungen und eine immersive Show über die Welt der Wale. Auf dem Dach lebt eine Pinguin Kolonie und man hat einen weiten Blick über die Stadt.
Mit einem Audioguide erfährt man eine Menge über die Ostsee und die Meeresbewohner.
Auch mit einem Sandstrand kann die Stadt aufwarten, den wir aber heute nicht brauchen.


Am Hafen warten mehrere Ausflugsboote auf Passagiere. Da inzwischen die Sonne herausgekommen ist, kaufen wir Tickets für das Elektroschiff „Stromer“ um eine Hafenrundfahrt zu machen. Man könnte auch mit der „Weißen Flotte“ fahren, deren Boote ebenfalls  hier liegen. Das Elektroschiff ist jedoch leiser und man versteht die Erzählungen des Kapitäns besser. Gebaut wurde es übrigens in der Lux-Werft in Niederkassel bei Bonn – also fast bei uns zu Hause.
Wir fahren an den Hafenanlagen vorbei und sehen den Anleger „Altefähr“ wenigsten vom Wasser aus. Dann unterfahren wir die alte Rügendammbrücke und  die neue „Rügenbrücke“, die 2007 fertiggestellt wurde. Über die neue Brücke fährt nur der Autoverkehr. Die parallel verlaufende alte (1936 erbaute) war die erste feste Verbindung über den Strelasund und über diese geht heute noch die Bundesstrasse, die Bahnstrecke und ein Fuß-/Radweg und verbindet Rügen mit dem Festland.

Sellin

Am nächsten Morgen fühle ich mich echt mies. Ein blöder Infekt knockt mich aus und ich bin froh über unseren schönen Balkon, auf dem ich windgeschützt mit Aussicht sitzen kann und über die Küche, in der ich Tee kochen kann.
Gegen Nachmittag geht es besser und ich möchte etwas Luft schnappen. Mit dem Auto fahren wir nach Sellin, der „weißen Perle“ mit seiner schönen Seebrücke.
Da ich niemanden anstecken möchte, setzen wir uns draußen auf der Seebrücke an den Fischstand um etwas zu trinken. Der nette Inhaber verkauft mir sogar ein trockenes Brötchen. Allmählich geht es mir besser, so dass wir noch einen Spaziergang über die Promenade bis zur Abbruchkante am Naturstrand machen können. Dort verbringen wir dann den Nachmittag fernab vom Trubel am warmen Sandstrand in der Sonne.
Die Promenade von Sellin liegt etwas erhöht auf der Steilküste. Um den Strand und die Seebrücke barrierefrei zu machen, hat man einen (kostenlosen) Aufzug gebaut, der die hohe Stufe neben der steilen Treppe bequemer überwindet.
Auf dem Rückweg schauen wir noch in die kleine Einkaufsstraße, wo es die üblichen Seebadsachen gibt: Badekleidung, Wasserspielzeug, Freizeitkleidung, Kappen und Souvenirs. Ein paar Edelläden unterbrechen die Zeile und es gibt eine Menge Baustellen.
Wer nicht gut zu Fuß ist sollte aber bedenken, dass es hier viele Stufen, Kopfsteinpflaster und abschüssige Wege gibt. Binz wäre in diesem Fall sicher die bessere Wahl.

Prora – der Koloss von Rügen

Nach dem eher ruhigen Tag gestern, wollen wir uns heute das Dokumentationszentrum Prora anschauen. Man nennt ihn den „Koloss von Rügen“,  Hitlers Größenwahnsinns-Projekt, wie der Guide es später nennt.
Es ist ein 4,5 km langer Komplex von aneinander hängenden Gebäuden, der inzwischen zur Hälfte neu ausgebaut wurde, nachdem er Jahrzehnte als unvollendete Ruine dort stand.
Geplant war hier ein „Kraft durch Freude“ Ferienzentrum mit Speisesälen, Gemeinschaftseinrichtungen und Schwimmbädern für insgesamt 20.000 Gäste. Alle Zimmer hatten Meerblick. 1936 war die Grundsteinlegung. Auf der Weltausstellung 1937 wurde der Entwurf mit dem Grand Prix ausgezeichnet.
Die Arbeiter sollten hier „fit gemacht werden für die Endlösung“. Der Krieg kam dann allerdings schneller als das Gebäude seiner Bestimmung zugeführt werden konnte. Hitler wollte nach dem „schnellen Endsieg“ daran weiter bauen. Aber wir wissen, dass alles anders kam. Nach der Niederlage ließen sich die Russen mit dem Militär in den halbfertigen Gebäuden nieder, wo dann Spezialeinheiten ausgebildet wurden. Später wurde es genutzt von der kasernierten Polizei, Kampftruppen, Volksarmee, als Flüchtlingsunterkünfte und nach der Wende dann kurze Zeit von der Bundeswehr. Es verfiel danach immer mehr, zumal man nach dem Krieg zu DDR-Zeiten unkontrollierte Abbrucharbeiten zur Materialbeschaffung erlaubt hatte.
Seit 1994 steht die Anlage unter Denkmalschutz – eigentlich ein Witz für den, der sich schon mal mit Denkmalschutz beschäftigt hat und und dann die inzwischen von Privatleuten finanzierten Umbauten zu Luxuswohnungen anschaut.
Das Dokumentationszentrum befindet sich im mittleren alten, ziemlich verfallenen Trakt. Es wird wohl umziehen, wenn man mit der Renovierung dieses Abschnitts beginnt. Hier wird sehr eindrucksvoll mit alten Dokumenten, Bildern und Filmen der Werdegang bis heute veranschaulicht. Man sollte unbedingt eine Führung mitmachen, die auch durch die alten Gebäudeteile geht. 
Heute sind in den renovierten Gebäuden Luxuseigentumswohnungen, Ferienwohnungen, Hotels und Restaurants untergebracht. Der große Sandstrand, an dem man bis zur Strandpromenade von Binz laufen kann, ist ein Besuchermagnet und der nahe Baumwipfelpfad ergänzt seit einiger Zeit das Freizeitangebot. Auch eine Jugendherberge ist auf dem Gelände zu finden.  Noch lange sind nicht alle Vorhaben verwirklicht, die den Koloss zum Ferienparadies werden lassen sollen. Der einzige Wermutstropfen ist das neue LNG Terminal, das den Ausblick am Strand trübt.
Wir haben jedoch in der ganzen Woche keine Tanker einlaufen sehen, obwohl unser Balkon eine gute Sicht auf die Ostsee und das neue Terminal in Mukran erlaubt. 
Nach der ausgiebigen Besichtigung gönnen wir uns einen Snack in einem der Cafés und verbringen eine Zeit am menschenleeren Strand in der Sonne. 

Filmset auf Rügen

Noch einen kurzen Stopp machen wir auf dem Heimweg vor Mukran und suchen am Strand schöne Steine. Leider finden wir keinen Bernstein oder „Hühnergott“ (Stein mit Loch).
Auf dem Weg zum Abendessen in Sassnitz schauen wir uns noch ein bekanntes Filmset an.
Hier wird die Serie „Praxis mit Meerblick“ gedreht, wo leider heute keine Aufnahmen stattfinden. Das Praxisschild ist jedoch mit dem Filmnamen Nora Kaminsky beschriftet und ist eigentlich ein Wohnhaus.


Nach einem letzten leckeren Essen im Restaurant „Gastmahl des Meeres“ packen wir unsere Koffer, denn morgen geht es weiter zur zweiten Station der Ostseereise: nach Usedom